Lois saß am Esstisch in ihrer Küche. Sie rührte mit höchster Konzentration in ihrem Kakao, drehte den Löffel im Kreis und versuchte die leichte Haut, die sich auf der Oberfläche gebildet hatte, auf den Löffel zu drehen um diesen dann auf die Untertasse zu legen. Sie mochte Haut auf dem Kakao nicht, also würde sie versuchen, sie auf diese Art zu entfernen – wie immer. Dann könnte sie den Kakao ungehindert genießen. Sie versuchte das nun schon seit fast zwei Minuten. Clark war hin und her gerissen, ob er ihren verzweifelten Versuch weiterhin nur beobachten sollte oder ob er ihr helfen sollte und damit das Gefühl der Hilflosigkeit verstärken. Es waren inzwischen die banalsten Dinge, die sie nicht mehr alleine bewerkstelligt bekam. Es zerriss ihm fast das Herz.
Der erste Besuch bei Dr. Harris war inzwischen fast drei Wochen her. Seitdem war Lois manchmal mehrmals täglich bei ihm gewesen. Sie hatten ihr, wie Lois sich auszudrücken pflegte, mehrere Liter Blut abgenommen, es auf die exotischsten Erreger hin untersucht, immer wieder neue Tests mit ihr gemacht, doch alle Ergebnisse waren negativ ausgefallen. Der Arzt hatte das jedes Mal wieder als etwas Positives gesehen, er war immer glücklich, dass es dieser spezielle Erreger nicht war.
Es waren mehrere Konsile einberufen worden. Die anderen Fachärzte überschlugen sich fast in ihrem Eifer, doch auch sie hatten keine bessere Idee, womit sie es hier zu tun hatten. Clark war sich eh nicht wirklich sicher, ob sie alle wirklich mit dem gebührenden Einsatz dabei waren, oder ob nicht der eine oder andere in Lois nur eine hervorragende Chance sah, einen hochangesehenen Fachartikel zu veröffentlichen. Einig waren sie sich nur darin, dass sie es mit einer Infektion zu tun hatten, ihre Leukozytenwerte waren so hoch, dass einfach alles auf eine Infektion hindeutete. Nur dass niemand wusste, was es war. Es blieb also immer die Frage im Raum, was die Symptome bei Lois hervorrief.
Symptome, die von Tag zu Tag zunahmen. Auch hatte sie immer mal wieder leichtes Fieber und Schüttelfrost. Alles nicht besonders stark ausgeprägt, aber das ursprüngliche Symptom, die Lähmung und Taubheit der Extremitäten, nahm dafür umso stärker zu. Erst war es nur der rechte Fuß, dann die rechte Hand. Als nächstes war der linke Fuß befallen und dann folgte die linke Hand. Und nun, nach diesen drei Wochen waren sie wirklich schon sehr weit fortgeschritten. Über das rechte Bein hatte sie praktisch keine Kontrolle mehr.
Clark spürte Lois' Angst sehr deutlich, auch wenn sie immer wieder versucht hatte, die Situation mit einem Scherz zu entlasten. „Mensch, bin ich froh, dass nicht auch noch das Gesicht betroffen ist. Stell dir vor, was für eine Fratze ich dir zeigen würde. Wahrscheinlich wärst du schon davon gelaufen“, war so eine dieser Bemerkungen. Manchmal kostete es ihn all seine Kraft um nicht in Selbstmitleid zu verfallen. So blieb ihm nichts anderes übrig als da zu sein und ihr, so gut es eben ging, bei den Alltäglichkeiten zu helfen. Er versuchte so gut es ging seine eigene Angst zu unterdrücken und ihr zur Seite zu stehen.
Er tröstete sie, wenn sie in Tränen ausbrach. Er half ihr suchen, wenn sie eine Idee hatte, was noch in Frage käme, für den Fall, dass die Ärzte doch etwas übersehen hatten. Er begleitete sie zu allen Terminen. Er ging ihr zur Hand, wenn sie wieder eine banale Sache nicht mehr greifen konnte. Und er war da, wenn sie wütend wurde, wenn sie schrie und schimpfte, wenn sie ihre Wut auf die ganze Welt auf ihn niederprasseln ließ. Er war dann einfach da und gab ihr die Möglichkeit, ein wenig Dampf abzulassen. Ihm war ja klar, dass sie nicht wirklich ihn meinte – und doch machten ihn gerade diese Wuttiraden sehr hilflos. Aber er ertrug das. Er schluckte seine eigenen Ängste hinunter und gab einfach alles, um für sie da zu sein.
Clark fragte sich immer wieder, was er tun würde, wenn er fast sicher sein konnte, nur noch wenige Wochen oder Tage zu haben. Ob es etwas gab, was er dann unbedingt noch tun wollte, einen Ort, den er noch einmal sehen wollte, vielleicht eine bestimmte Handlung, bevor... Doch noch nicht einmal in Gedanken konnte er so eine solche Formulierung bis zum Ende denken. Alles in ihm sträubte sich, das Wort 'Tod' zuzulassen. Er konnte sich einfach nicht damit abfinden, dass ihr Ende unmittelbar bevorstand. Er war nicht bereit dazu.
Da hatte er all diese Kräfte – und sie nützten ihm in dieser Situation nichts. Gar nichts! Er hätte die Welt für seine Partnerin verrückt, aber im Kampf gegen diesen unsichtbaren und vollkommen unbekannten Feind konnte er nichts ausrichten. Jede Minute wünschte er, dass einer der Ärzte, eines der vielen Labors, anrief und freudig ausrief: „Ja, wir haben ihn! Jetzt wissen wir auch, was wir tun können...“
Doch das Telefon blieb stumm.
Lois legte den Löffel auf ihrer Untertasse ab. Sie hatte es mit der ihr eigenen, sturen Beharrlichkeit geschafft, die lästige Haut um den Löffel zu wickeln und nun konnte sie den Kakao uneingeschränkt genießen. Sie sah ihn stolz an, wie ein kleines Kind, das sich gerade wieder aufgerichtet hatte.
Mit der linken Hand schaffte sie es gerade noch den Strohhalm zu greifen und in die Tasse zu tun, so musste sie diese nicht anheben. Sie trank noch einen großen Schluck Kakao, schloss kurz ihre Augen und dann sah sie ihn mit festem Blick an. „Clark, was würdest du tun, wenn diese Nervensache immer weiter geht und dann irgendwann die Muskulatur der Lunge, mein Herz oder das Gehirn betrifft? Nehmen wir an, ich bin nicht mehr bei Bewusstsein. Was würdest du dem Arzt im Krankenhaus sagen, was dann mit mir passieren soll?“ Sie hatte diese Worte ganz überlegt gesagt und doch sah Clark ihr an, dass nun etwas vielleicht sehr Wichtiges käme. Lois sah ihn nun erwartungsvoll an.
Es war erstaunlich, wie sehr diese Stiche immer wieder schmerzten, obwohl er inzwischen den Eindruck hatte, sie minütlich ab zu bekommen. Er sah in seinen Kakaobecher und grummelte: „Ich will nicht... darüber nachdenken.“
„Hey“, protestierte Lois, „es geht mir aber nicht um Sentimentalitäten oder Trauer. Also, du stehst an meinem Krankenbett, da ist ein Arzt, der fragt, was soll nun passieren, was würdest du dem antworten?“
Die Antwort brach aus Clark unwirscher heraus als er das gewollt hatte: „Das... das weiß ich doch nicht!“ Ein wenig beherrschter fuhr er dann fort: „Ich müsste doch wohl das sagen, was du willst... was wir, keine Ahnung, vorher besprochen haben, oder so. Ich kann doch eine solche Entscheidung nicht für dich treffen.“
Erstaunlicherweise wirkte Lois daraufhin erleichtert. „Ich wusste, dass du so antworten würdest. Deswegen möchte ich dich um eine einzige Sache bitten...“ Sie nahm einen großen Schluck von dem Kakao.
„Lois, alles, was du willst...“ Er würde wirklich alles für sie tun, das wusste er ganz sicher.
Lois lächelte leicht. „Hör doch erst mal zu, bevor du mir dein Jawort gibst... Denn genau das will ich...“
Clark sah sie verwirrt an. „Was?!“
Sie sagte dann ganz ruhig und offenbar sehr überlegt: „Heirate mich!“
Clark blieb die Luft weg. Die Welt schien in diesem Moment stehen zu bleiben. Hatte er sich da gerade verhört? „Bitte?“
Doch sie fuhr genauso ruhig fort, offenbar hatte sie sich jedes Wort genau überlegt: „Du wirst dann mein nächster Angehöriger. Damit bekommst du alle notwendigen Informationen, bist berechtigt... Entscheidungen zu treffen, wenn es nötig wird...“
Entsetzt wehrte Clark ab: „Lois, ich kann einfach nicht über dein... Ende nachdenken...“ Die kühle Sachlichkeit ihrer Argumentation erschreckte ihn.
Sie fixierte ihn mit festem Blick. „Aber ich muss es tun. Und wer ist da sonst? Meine Familie... Ich liebe meine Schwester, auch meine Eltern, obwohl ich ganz besonders den beiden Streithähnen ganz gerne mal etwas auf die Nase geben würde. Sie benehmen sich manchmal wie Kinder. Egal... jedenfalls würde ich meinen Eltern noch nicht einmal einen Hamster in Pflege geben. Als Kinder haben wir das überlebt, aber das zeigt einmal mehr, dass die Lane'sche Hartnäckigkeit sich eben wirklich gegen alle widrigen Umstände durchzusetzen weiß. Die beiden haben sich noch nicht einmal gegenseitig verstanden, geschweige denn, sie hätten mal in Lucys oder meinem Interesse gehandelt. Ich möchte mein Leben nicht in ihre Hände legen – aber ich fürchte, in irgendwelche Hände muss ich es legen. Und das sind meine nächsten Angehörigen, sie würden über mich entscheiden. Wenn wir beide aber heiraten würden, wärst du als mein Ehemann mein nächster Anverwandter. Clark, ich frage dich das als meinen besten Freund, dir vertraue ich. Du würdest nichts tun, was ich nicht will.“
Diesem Gedanken konnte er nichts entgegen bringen und das ausgesprochene Vertrauen berührte ihn, ganz besonders da es von Lois kam. Aber da war noch viel mehr, sie sprach von Entscheidungen. Es brauchte einen kurzen Moment, bis er wirklich erfasste, was sie damit meinte und ein dicker Kloß in seinem Hals hinderte ihn fast am Sprechen. „Lois, du verlangst, dass ich derjenige bin, der womöglich darüber entscheidet, ob du am Leben bleibst oder ob irgendwelche Maschinen abgeschaltet werden?! Das... das kann ich nicht! Das ist zu viel verlangt!“
„Clark!“, warf sie schnell ein, „ich wünsche mir - und dir... dass du so eine Entscheidung niemals treffen musst“, beschwor sie ihn. „Aber wenn schon jemand an meinem Krankenbett stehen wird und die Verantwortung tragen muss, dann möchte ich, dass das jemand ist, der in meinem Sinne handeln. Du bist der Einzige, dem ich das zutraue... Ich vertraue dir. Also - wirst du für mich da sein?“ Ihr Blick hatte etwas flehendes. Es war eine ultimative Frage, das war ihr sicher klar.
Sie sprach von Heiraten, wie oft hatte er sich das schon gewünscht? Und sie sprach von Vertrauen. Diesen Satz von Lois zu hören, war fast eine Offenbarung für ihn. Nur warum musste das ausgerechnet jetzt passieren, wo sie keine Chance mehr hatten? Ihnen die Zeit davon lief. Und hatte er dieses Vertrauen denn verdient? Er war es doch, der sie seit zwei Jahren belog. „Lois... Ich... Ach… Wie kann ich...? Es ist kompliziert…“
Das schien Lois zu erschrecken. „Ah... Okay… ich verstehe schon… Ehrlich gesagt hab ich nicht damit gerechnet, dass du so zögern würdest. Aber du hast recht, Heiraten ist eine große Sache. Eine Entscheidung, bei der man sich wirklich Zeit lassen sollte. Aber Clark... Zeit habe ich nicht!“, sagte sie eindringlich. „Und wahrscheinlich ist es doch sowieso nur für kurze Zeit, wenige Wochen oder vielleicht nur noch für Tage, dann bist du doch wieder frei...“
Dies war kein Stich mehr ins Herz, es war bereits eine ganze Lanze. „Lois, bitte...!“, flehte er.
„Ja, aber so ist es doch“, entgegnete sie bitter. „Wenn diese Krankheit in derselben Geschwindigkeit wie bisher voranschreitet, hab ich vielleicht noch ein paar Wochen. Aber wenn du nicht willst... das ist okay. Ich verstehe das.“ Sie versuchte offenbar gelassen zu wirken, und traf ihn damit mehr als mit jedem Vorwurf.
~ ~ ~
Lucy stand hinter Lois, die in ihrem Bad auf einem Stuhl saß; stehen wäre einfach nicht gegangen. Sie kämmte ihrer älteren Schwester die Haare, nachdem sie sie ihr trocken frottiert hatte. Sie hätte so gerne mehr getan. Aber sie war auch einfach froh, dass sie genau in dieser Zeit in Metropolis war und sich nicht gerade in der Welt herum trieb und erst wieder auftauchte, wenn alles vorbei war. „Gibt es eigentlich irgendetwas, das du vorher unbedingt noch erledigen möchtest?“ Es tat ihr weh, ein Wort wie 'vorher' zu benutzen. Sie sprach immerhin vom Tod ihrer einzigen Schwester! Aber sie kannte Lois, darum herum reden konnte sie erst recht nicht leiden.
Lois lachte. „Den Mount Everest besteigen. Wie Messner... ohne Sauerstoffgerät. Aber in meiner momentanen Verfassung... komme ich noch nicht einmal vom Bad... bis zur Küche ohne Sauerstoffgerät.“ Lois lehnte ihren Kopf zurück, um es Lucy leichter zu machen. „Oh Gott. Ich hätte viel früher damit... anfangen müssen, meine Träume auszuleben. Jetzt wird mir erst bewusst... was ich alles versäumt habe. Ich dachte immer... ich hätte noch so viel Zeit. Verdammt, ich fürchte...“ Lucy merkte deutlich, wie ihre Schwester immer kurzatmiger wurde. Ein Gefühl der Ohnmacht überkam sie. Lois fuhr fort, sie machte immer öfter kleine Pausen zwischen den Worten: „Es gibt da noch einen Wunsch... aber ich fürchte, es ist zu spät... ich werde keine Kraft mehr dafür haben.“ Sie sah ihre kleine Schwester einen Moment an um etwas Energie zu schöpfen. „Clark und ich haben... beschlossen zu heiraten...“
Lucy hielt inne und der Kamm schwebte in der Luft. „IHR HABT WAS?!“
„Ja... das war wirklich komisch... ich habe ihn gefragt... Stell dir vor – ich habe ihm... einen Antrag gemacht! Erst hat er ein wenig gezögert. Doch plötzlich... brach er in Tränen aus und sagte... er würde es tun. Das geht auch um den Wunsch... den ich noch habe... dass einfach jemand da ist... auf den ich mich... voll und ganz verlassen... kann. Wenn ich nicht mehr... in der Lage bin, Entscheidungen... für mich selbst zu treffen. Und... Clark ist einfach... der Mensch, dem ich am... meisten vertraue.“ Es gab Lucy einen kleinen Stich, dass Lois dieses Vertrauen einem anderen schenkte und nicht zum Beispiel ihr. Aber das war wohl der Lohn für ihren Freiheitsdrang.
Lois sprach monoton und kraftlos weiter: „Ich habe... in letzter Zeit viel... darüber nachgedacht und mir ist... klar geworden, ich liebe... Clark. Wahrscheinlich sogar schon... sehr lange. Nur habe ich mir... dieses Gefühl niemals eingestehen können.“ Lucy war verwirrt. Was hatte das nur mit dem Heiraten auf sich? Lois sprach unbeirrt, aber immer leiser weiter: „Ich glaube... ich liebte ihn schon kurz nachdem... wir Partner wurden. Und er liebt mich, das weiß ich... schon seit ewigen Zeiten. Und was machen wir beide? Wir warten... bis ich todkrank bin... bis ich nur noch wenige Tage... zu leben habe, wenn nicht noch ein Wunder geschieht.“ Das klang aber so, als wenn sie selbst an dieses Wunder nicht mehr glaubte. „Ich habe so lange gebraucht... um das zu erkennen – und nun haben wir keine Zeit mehr. Mein Wunsch... ich fürchte, ich werde nicht... mehr in der Lage sein... meine Ehe zu vollziehen – ich werde niemals erfahren, wie es ist, von Clark geliebt... zu werden. Schon heute habe ich... die Kraft nicht mehr. Die Tendenz sagt uns... nachher, wenn wir uns das Jawort geben... wird es noch etwas schlechter sein. Ist es nicht eine Ironie des Schicksals? Ich heirate den Mann... den ich schon seit fast zwei Jahren... liebe, der mich auf Händen tragen würde, der die Luft vergöttert, die ich ausatme... und jetzt, wo wir uns dieses große Gefühl endlich eingestehen können... habe ich keine Luft mehr um... seine zärtliche Seite kennen zu lernen.“
Lucy band ihr die Haare zu einem Zopf zusammen und steckte noch ein paar Klammern dazu, die die widerspenstigen Locken bändigen sollten. „Luce, tu mir bitte... einen Gefallen“, Lois sollte gar nicht so viel reden. Aber sie konnten es ja schließlich auch nicht auf später verschieben, musste Lucy sich traurig eingestehen. „... Wenn du irgendeinen Wunsch hast... auf dieser Welt, irgendetwas... tu es – schiebe es nicht auf – lebe deine Träume! Versprichst du mir... das? Das ist die einzige Bitte, die ich... an dich habe. Apropos, ich hinterlasse... dir mein Bankkonto. Es sind keine Reichtümer, aber es dürfte... dir ein wenig helfen.“
Lucy konnte ihre Tränen kaum mehr zurück halten. „Lo, ich will keinen Cent von dir...!“
„Doch, nimm es! Wir sind uns in... vielen Dingen sehr ähnlich. Ich will nicht, dass du... denselben Fehler machst wie ich. Bitte lebe dein Leben... und versuche alles, um glücklich zu werden.“
Die Frisur war fertig und Lois war müde, sie wollte sich noch einen Moment ausruhen. Das machte sie immer öfter in den letzten Tagen. Sie hielt kaum noch länger als zwei Stunden am Stück durch. Als Lucy das Telegramm bekommen hatte, dass Lois sie unbedingt sehen wollte, da war ihr erster Gedanke gewesen, 'Da ist etwas Großes im Gange'. Aber sie hatte eher an eine Weltreise gedacht, bei der sie monatelang Lois' Apartment hüten durfte, oder vielleicht ein Umzug nach London, so etwas in der Art. Mit dem unmittelbar bevorstehenden Tod hatte sie nicht gerechnet. Sie war sich auch nicht sicher, ob sie diesen Gedanken wirklich schon erfassen konnte.
„Sag mal, wie hältst du das aus?“, fragte sie Clark, während sie das Wohnzimmer betrat. Er saß auf dem Sofa – saß? Nein, er war vollkommen in sich zusammen gesunken, bis zu dem Moment, wo Lucy das Zimmer betrat. Sie setzte sich zu ihm.
Clark räusperte sich, sah aber Lucy nicht an, während er fast nur flüsterte: „Gar nicht – aber es geht hier doch nicht um mich. Schläft sie?“
Lucy nickte. Sie zog die Beine auf die Sitzfläche und umschlang sie mit den Armen. „Ihr seid euch sicher, dass ihr alle Möglichkeiten in Betracht gezogen habt – wirklich keine Hoffnung?“
Clark nickte resigniert. „Dr. Harris und auch die anderen Ärzte hatten zuerst auf eine Neuroborreliose getippt“, betete Clark Lois' Krankengeschichte herunter, „doch die Liquoruntersuchung war negativ. Tumor konnte ausgeschlossen werden. Multiple Sklerose und Guillain-Barré-Syndrom konnten glücklicherweise auch ausgeschlossen werden. Immer wieder gab es diese Unsicherheiten; dieses Symptom passte für ein bestimmtes Krankheitsbild, ein anderes sprach dagegen. Aber alle Test verliefen negativ. Trotzdem haben sie sich entschieden, sie versuchsweise mit Cortison zu behandeln – keine Wirkung. Das war wirklich erstaunlich, noch nicht einmal die Entzündungszeichen, die erhöhten Leukozytenwerte gingen zurück. Es war merkwürdig. Sie spricht einfach auf keine Behandlung an.“
Lucy hatte kaum ein Wort verstanden, aber sie hatte das Gefühl, es war viel gemacht worden. Außerdem kannte sie ihre Schwester, Lois würde nichts unversucht lassen, jede Möglichkeit in Betracht ziehen. Genauso schätzte sie auch Clark ein. „Wo wollt ihr heiraten, in Metropolis?“
Es war das erste Mal, dass Clark wenigstens die Spur eines Lächelns zeigte. „Sie hat es dir gesagt?“ Unsicher sah er Lucy an, als erwartete er ihren Richterspruch, dass sie beide vollkommen verrückt wären.
„Klar.“ Auch Lucys Mundwinkel wanderten nun nach oben. „Ich hab mir doch gleich gedacht, dass sie die Haare für etwas Besonderes gemacht haben wollte. Aber ich hatte an so etwas wie euer Lieblingsrestaurant gedacht. Ich...“, stockte sie, „ich finde es klasse, was du alles für sie machst.“ Clark war wirklich ein prima Kerl, ein richtiger Freund eben. Es tat ihr in diesem Moment einfach nur weh, dass Lois nicht eher erkannt hatte, was sie eigentlich an diesem Mann hatte.
„Vegas“, beantwortete Clark ihre vorherige Frage. „Hier in Metropolis müssten wir wegen der kurzen Zeit hundert Formulare ausfüllen. Selbst mit Hin- und Rückflug geht es in Las Vegas schneller. Und Zeit...“
Lucy winkte schnell ab. „Ja, ja, ich hab schon verstanden, Zeit hat sie nicht.“
Lucy und Clark saßen noch eine Weile still da. Jeder hing seinen Gedanken nach. Sie machte sich gerade klar, dass ihre Eltern sie umbringen würden, wenn sie erfuhren, dass Lucy gewusst hatte, was Lois plante. Aber sie würde Lois' Wunsch respektieren. Lois wollte den beiden nicht nur ihr Leben nicht anvertrauen, sie wollte sie auch bei dieser Hochzeit nicht dabei haben. Selbst wenn es 'nur' eine formale Heirat sein sollte. Obwohl das Gespräch mit ihrer Schwester ja doch recht deutlich gezeigt hatte, dass es auf jeden Fall für Lois mehr war als eine Formalität. Was es für Clark war, konnte Lucy in diesem Augenblick nicht wirklich einschätzen. Er schien sich entschlossen zu haben, seine wirklichen Gefühle sehr tief zu vergraben. Manchmal wirkte er wie ein Eisklotz.
~ ~ ~Statistik: Verfasst von Magss — Fr 26. Mär 2010, 09:31
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