Clark Kent, der Mann aus Smallville, Kansas, ihm konnte sie immer noch nicht in die Augen sehen, in diese schokobraunen Augen... Oh Lois, vergiss es!
Perry verließ, offenbar zufrieden, den Konferenzraum und Lois schloss die Tür hinter ihm, sie musste mit dem Mann aus Smalltown alleine sprechen, wenigstens für einen kurzen Moment.
Er setzte an, etwas zu sagen, aber Lois unterbrach ihn energisch, ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen: „Kent! Ein... einziges... Wort – und Sie sind tot! Ich mache Sie fertig, ich streite alles ab! Ich sorge dafür, dass Sie bei keiner Zeitung in diesem Land je wieder eine Arbeit bekommen! Ich habe Kontakte, glauben Sie mir! Ich ruiniere ihre Karriere, bevor sie begonnen hat.“ Sie unterstrich ihre Ansprache, in dem sie die Hände in die Seiten gestützt hatte und sich versuchte so breit zu machen wie es nur ging. Sie wollte bedrohlich wirken, nein, sie musste bedrohlich wirken. Er sollte ja nicht auf die Idee kommen, auch nur einen einzigen Ton von sich zu geben. Wenn sie mit ihm fertig wäre, würde er sich wünschen, niemals in Metropolis aufgetaucht zu sein...
Wenig beeindruckt lächelte er, wenn auch etwas vorsichtig. „ Hören Sie, Miss Lane, von mir erfährt niemand etwas. Sie können mir vertrauen...“
„Vertrauen...!“, stieß sie verächtlich aus. Sehr witzig. Wirklich! Sie sollte dem grünen Jungen aus Nowheresville vertrauen. Lois griff in ihre Tasche, nahm einen Hefter daraus und drückte ihm den wütend in die Hand. „Hier, lesen Sie das durch. In einer halben Stunde erzähle ich Ihnen, was ich noch habe – und was noch viel wichtiger ist, was ich für Vermutungen habe." herrschte sie ihn in einem Ton an, der keine Widerrede duldete.
Ohne ihn noch einmal anzusehen, verließ sie den Konferenzraum und ging zu ihrem Schreibtisch. Sie musste dringend einen kurzen Moment allein sein, einen Moment nachdenken, sich irgendeine Strategie zurechtlegen, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte, wie sie mit Clark Kent aus Smallville umgehen sollte. Sie musste sich wieder fangen und ihr Herz wieder in einen normalen Rhythmus bringen. Darauf war sie nicht vorbereitet gewesen. Nicht nur, dass sie gestern nicht an ihr Ziel gekommen war, nein, es war Ironie pur, dass sie nun mit genau diesem Mann zusammen arbeiten musste.
Lois fuhr ihren Computer hoch. Was für ein Tag... was für eine Nacht. Warum nur war sie gestern in diese Bar gegangen? Warum hatte sie ihr eigentliches Ziel, den blonden Börsenbroker, aus den Augen verloren? Warum hatte sie Kent mitgenommen, obwohl ihr alle Warnsysteme gesagt hatten, lass dich nicht mit so einem Typen ein? Warum hatte er sie nicht gewollt? Warum hatte sie ihn nicht gleich rausgeworfen, als ihr klar wurde, dass er scheinbar etwas ganz anderes erwartet hatte als sie?
Weil er sie berührt hatte... weil er eine Saite in ihr zum klingen gebracht hatte, von der sie schon geglaubt hatte, es gäbe sie nicht mehr, oder vielleicht bisher nie gegeben hatte. Aber das durfte er niemals erfahren – unter gar keinen Umständen! Und du solltest auch nicht weiter darüber nachdenken, Lois, mahnte sie sich selbst.
Lois atmete tief durch, sie war noch immer durcheinander, aber langsam kehrte das Gefühl zurück, dass sie wieder denken konnte. Sie hatte Perry gegenüber nicht ablehnen können und nun musste sie das Beste daraus machen, was auch immer das Beste in diesem Moment war. Sie seufzte und rieb sich die Schläfen. Wenn ein Morgen schon so begann, wo konnte er dann enden? Wo war ihre Reserve an Schokoriegeln? Sie brauchte ganz dringend Endorphine, irgendetwas, was ihr all das hier alles erträglich machte. Ihr Ruf war in Gefahr und Mad Dog Lane würde nicht klein begeben, oh nein! Sie würde nicht kampflos untergehen, ganz bestimmt nicht - und schon gar nicht durch diesen Farmer aus der Provinz... und doch zitterten ihre Finger. Hoffentlich hatte er nicht geredet, hoffentlich würde er das auch weiterhin nicht tun. Mit einem unguten Gefühl sah sie hinüber zu Jimmy, sie traute diesem scheinheiligen Farmboy aus der Provinz einfach nicht. Sie musste herausbekommen, was Jimmy wusste.
Jimmy ging zur Kaffeemaschine und machte sich einen Kaffee, das war ihre Chance. Lois war sich zwar bewusst, dass Koffein jetzt genau das Falsche für sie war, aber sie ging auch dort hin. "Und, Jimmy, was hältst du von dem Neuen...?", versuchte sie so unverfänglich wie nur möglich zu fragen, während sie Zucker in ihren Becher tat.
Er grinste sie an. "Er scheint nett zu sein. Und er weiß erstaunliche Sachen..."
Lois verschluckte sich fast an ihrem Kaffee. "Was bitte meinst du damit? Raus mit der Sprache!"
Jimmy sah sie mit so einem vielsagenden Blick an und grinste noch breiter. "Nun ja, du weißt schon... Man sieht jemanden an und denkt, langweilig, bieder, vielleicht sogar konservativ, aber dann kommt es ganz faustdick. Stille Wasser sind tief...", endete er bedeutungsschwer.
Das reichte! Das würde Kent nicht überleben, kaum ein paar Minuten hier in der Redaktion und schon posaunte er Indiskretionen aus und dann auch noch ihre Indiskretionen. Lois drehte sich stürmisch um und ließ Jimmy einfach dort stehen. Doch beim Blick zu Kents Schreibtisch traf sie der nächste Schlag, er sprach gerade mit Cat. Die Klatschtante des Hauses. Cats anzügliches Grinsen konnte nur bedeuten, dass sie bei ihren Lieblingsthema war, bei dem einzigen, in dem sie ständig den Anschein erweckte, sie würde sich dort auskennen - Sex! Oh nein, es würde keine Stunde dauern, dann wusste es jeder Mitarbeiter im ganzen Haus, vom Keller bis hinauf zur Chefetage. Wie lange sprachen die beiden schon? Lois versuchte sich nun unmerklich immer näher an Kents Schreibtisch heranzuarbeiten. Ha! Sylvis Blumen konnten Wasser gebrauchen und sie hatte ihren Schreibtisch fast neben dem von Kent. Lois rannte so lautlos und unauffällig, wie es gerade ging, zu ihrem Schreibtisch um ihre kleine Gießkanne zu holen und dann kümmerte sie sich um Sylvis Blumen.
Aber alles was sie noch mitbekam war, wie Cat erstaunt zu dem neuen Kollegen sagte: "Nein...! Clark, das hätte ich wirklich nicht gedacht, sie sieht nicht danach aus. Wirklich erstaunlich...!"
Clark hob seine Finger wie zum Schwur und lächelte. "Pfadfinder-Ehrenwort...!" Daraufhin warf sich Cat ihre plüschige Jacke über die Schulter und ging mit einem anzüglichen Lachen in Richtung ihres eigenen Schreibtisches.
Das war zu viel! Kaum ein paar Minuten hier und schon plappert der Neue alles aus, was er wusste. Lois ging zu Kent und forderte ihn unmissverständlich auf: "Los, packen Sie alles ein und kommen Sie mit!" Sie ging an ihrem Schreibtisch vorbei, griff sich ihre Jacke und ging zum Fahrstuhl. Kent folgte ihr mit dem Hefter unter dem Arm, sein Glück, sonst würde sie ihn gleich hier in der Redaktion umbringen. Die Fahrstuhltüren öffneten sich und sie fuhren wortlos nach unten.
Lois hatte immer noch keine Zeit gehabt, sich eine Strategie zurecht zu legen, aber sie musste verhindern, dass er mit noch mehr Kollegen sprechen konnte. Während der Fahrt nach unten versuchte sie ihm eine Fassade der Ausgeglichenheit zu zeigen, einzig ihr Fuß tippte nervös auf den Boden. Der Fahrstuhl war heute mal wieder besonders langsam. Endlich im untersten Stockwerk angekommen, stürmte sie durch die Lobby, hinaus auf die Straße und dann in schnellem Schritt den kurzen Weg zum Café an der Ecke. Da war um diese Zeit nichts los, keine Zeugen, das war ihr nur recht.
Sie ließ die Tür hinter sich zufallen, ohne zu schauen, ob er ihr auch gefolgt war. Er sollte sich hüten, es nicht getan zu haben! Sie bestellte sich am Tresen ein Kännchen Kaffee, aber keinen Kuchen, noch nicht. Sie war sogar zu aufgeregt für Kuchen. Obwohl die Schokotorte hier sie immer fantastisch aufgeheitert hatte. Lois suchte dann einen Tisch im hinteren Teil aus, dort würden sie ungestört reden können, vielleicht würde es nicht mal auffallen, wenn sie Kent gleich dort umbrachte. Erwürgen mit seiner schrecklich bunten Krawatte vielleicht, oder erstechen mit einer Kuchengabel - sie sollte wohl doch Kuchen bestellen.
Er setzte sich nur einen kuren Moment später mit einem nach Zimt und Kardamom duftenden heißen Kakao zu ihr an den Tisch. Die heiße Schokolade hier war köstlich, vielleicht hätte sie sich auch eine bestellen sollen... Aber Lois sollte sich nicht ablenken lassen. Sie tat Milch und Zucker in ihren Kaffee und fuhr geräuschvoll mit dem Teelöffel durch ihren Kaffee, trank aber nicht davon. Sie war viel zu abgelenkt.
"Kent, ich hatte Sie gewarnt!", unwillkürlich rührte sie ihren Kaffee nun noch etwas schneller um, während sie wütend fortfuhr, "Glauben Sie etwa, ich mache meine Drohungen nicht wahr...?" Der Kaffee schwappte fast über.
"Bitte...?", überrascht sah Clark Kent sie an.
Oh nein! Lois wollte es nicht glauben. Er besaß doch wirklich die Unverschämtheit, ihr diesen Ich-weiß-gar-nicht-wovon-Sie-reden-Blick zu schenken. Glaubte er denn wirklich, sie sei galaktisch blöd? Clark Kent tippte auf den Hefter mit den Ermittlungen zu der Raumstationsgeschichte, den er mitgebracht hatte. "Ich dachte, Sie wollten hierüber sprechen."
"Vergessen Sie die Raumstation! Das kann ich sowieso besser alleine schreiben. Nein! Ich spreche davon, dass Sie nicht reden wollten..." Taktisch war es sicher nicht der beste Schachzug, gleich mit der Tür ins Haus zu fallen, aber für eine gut durchdachte Strategie hatte es ihr einfach an Zeit gefehlt.
Er zog eine Augenbraue unter seiner hässlichen Brille hoch. "Nicht die Raumstationsstory, okay. Worüber wollten Sie denn reden...?"
Jetzt auch noch den Unwissenden spielen, dieser Mann war einfach unglaublich... Was hatte sie gestern Nacht nur geleitet? Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, ihren Geschmack oder ihre Menschenkenntnis einer Prüfung zu unterziehen. Dies war der Moment, um diesen Provinztölpel fertig zu machen! "Kent!", stieß sie unkontrolliert hervor, "Sie sind kaum ein paar Minuten in der Redaktion und erzählen jedem... Und Sie hatten mir versprochen, genau das nicht... Ich weiß schon, meine eigene Schuld, dass ich Ihnen das geglaubt habe... Diese Lektion habe ich gelernt... Aber..."
Lois fuchtelte ihm zur Unterstreichung ihrer Wut mit dem Kaffeelöffel vor dem Gesicht herum, was ihn etwas zurückweichen ließ, aber nur ein kleines Stück. Sie hätte ihm gerne noch einige Drohungen an den Kopf geworfen, eine Warnung, die ihm wirklich Angst machte, aber er unterbrach sie: "Wovon bitte reden Sie? Was soll ich erzählt haben? Und wem?" Clark sah sie voller Unverständnis an.
Ihr blieb die Luft weg. "Wem?! Das fragen Sie auch noch! Für wie blöd halten Sie mich eigentlich?"
"Ganz ehrliche Antwort...?" Er hob seinen Kopf und warf ihr fast einen beschämten Blick zu und da zeigte sich doch tatsächlich die Spur eines Lächelns auf seinem Gesicht. Jetzt machte er sich auch noch über sie lustig! "Ich halte Sie überhaupt nicht für blöd, ganz im Gegenteil... In diesem Moment allerdings, nun ja, wie soll ich das sagen...? Aber sagen Sie mir doch einfach, was ich wem gesagt... Moment mal, Sie reden von... Sie glauben, ich hätte irgendjemandem erzählt, was gestern Nacht passiert ist?" Lois nickte nur, während sie ihn skeptisch ansah. "Ich hatte es doch versprochen..."
Sie winkte resigniert ab. "Oh ja, das haben Sie. Und Sie haben mir gesagt, ich sollte Ihnen vertrauen. Pah, Vertrauen... Was haben Sie Jimmy erzählt?", forderte sie ihn unmissverständlich auf. Was zählte heute schon ein Versprechen?
Sein Lächeln wurde langsam zu einem Grinsen. "Langsam verstehe ich... Jimmy hatte mich gefragt, ob ich glaube, dass es Eindruck auf Frauen macht, wenn er kochen könnte. Ich sagte ihm darauf, dass ich mir da in seiner Altersklasse nicht so sicher wäre, aber ich hätte schon so manches Mal zustimmenden Beifall erhalten, wenn ich jemandem meinen tibetanischen Wasserbüffeleintopf gemacht habe, oder die neuseeländische Grillplatte - ich meine, thailändisch kann ja jeder..."
Lois merkte zwar, dass ihr der Mund offen stand, aber sie hatte das Gefühl, nicht die Kraft zu haben, etwas dagegen tun zu können. "Sie können kochen?", fragte sie deshalb ein wenig abwesend. Er nickte. Und sie musste Jimmy im Stillen Recht geben, stille Wasser sind tief, dass hätte sie ihm am wenigsten zugetraut. "Aber...", fuhr sie nun ganz aufgeregt fort, "aber was ist mit Cat, unserer Bürosch... die Kollegin, mit der Sie danach gesprochen haben?" Ha!, jetzt hatte sie ihn aber. 'Sie sieht nicht danach aus' war doch um einiges eindeutiger.
Er nahm einen Schluck von seinem Kakao und sah sie ruhig an. "Sie hat mich nach meiner Krawatte gefragt und woher ich sie habe. Nun ja, ich kenne einen italienischen Designer für Krawatten, der manchmal einen recht eigenwilligen Geschmack hat. Aber es ist immer allerbeste Qualität, kommt direkt aus Italien und ich mag ihn sehr gerne, deswegen trage ich seine Werke mit Stolz."
Lois wünsche sich gerade, dass sie sich statt einer Tasse Kaffee lieber einen Eimer bestellt hätte, dann hätte sie jetzt etwas, wohinter sie sich verstecken könnte. Zu allem Überfluss merkte sie auch noch, wie sie rot wurde. "Ich mache mich gerade vollkommen lächerlich.", murmelte sie leise in sich hinein. Sie stierte auf den Grund ihres Kaffees, in der Hoffnung, dort eine kluge Erklärung für ihr Verhalten zu finden.
"Lois", sagte er mit diesem sympathischen, fast ein wenig schüchternen Lächeln, "darf ich Sie Lois nennen...?" Das konnte sie ihm nun ja wohl kaum noch abschlagen, nachdem sie sich gerade vollkommen zur Idiotin gemacht hatte. Sie nickte stumm. "Okay, Lois. Ich hatte Ihnen mein Wort gegeben. Natürlich, Sie kennen mich noch nicht. Aber wenn Sie mich eines Tages besser kennen, werden Sie wissen, dass ich eher sterben würde, als ein einmal gegebenes Versprechen zu brechen. Von mir wird kein Mensch erfahren, dass ich gestern Abend schon in Ihrer Wohnung war."
Sollte sie ihm glauben? Lois sah ihn immer noch nicht an. Kleinlaut murmelte sie vor sich hin: "Dass Sie in der Wohnung waren, ist ja nun eher nebensächlich. Warum Sie dort waren...", deutete sie ihm vielsagend an, während sie den Kopf in seine Richtung drehte und sich sofort wieder in diesem Vertrauen erweckenden Blick verlor. Sie würde ihm so gerne glauben, ihm, dem Mann mit diesem gewinnenden Lächeln, das so eine Wärme ausstrahlte. Plötzlich spürte sie ein Kribbeln in ihrer Magengegend, das sie vollends durcheinander brachte. In diesem Moment wusste sie auch wieder, warum sie ihn eingeladen hatte, warum sie wollte, dass er mit zu ihr kam, warum sie wollte, dass er sie begleitete, warum sie nicht wollte, dass er ging, warum sie mit ihm die Nacht verbringen wollte.
Clark riss sie aus ihren wirren Gedanken. "Warum war ich denn dort...?"
Oh nein! Nein, nein! So etwas zu denken, war eine Sache, so etwas zu sagen, eine ganz andere und das auch noch zu jemandem, den sie gar nicht kannte - unmöglich.
Lois hob den Kopf und sah ihn so ruhig an, wie es nur ging. Sie merkte ihre Unsicherheit, hoffentlich konnte sie die vor ihm verstecken. "Lassen Sie uns über die Story bei der EPRAD sprechen", sie zog sich den Hefter mit ihren Unterlagen heran. Genau, über den Fall reden, das war jetzt sicherer, viel sicherer. "Ich hoffe, es ist okay, wenn ich Sie Clark nenne", er nickte nur stumm, "also, es geht um Folgendes..."
~ ~ ~
Clark stand zum wiederholten Male vor dem Spiegel und betrachtete, was seine Mutter mit ihrer Nähmaschine gezaubert hatte. Manchmal fragte er sich, was in ihrem Kopf vorging und dann wieder, ob sie ihn zu einem öffentlichen Idioten degradieren wollte, wenn er ihre Vorschläge in Tigerfelloptik, oder aber die dünnen, engen Strumpfhosen in pink an sich sah.
Er war unkonzentriert, immer wieder schweiften seine Gedanken zu seinem neuen Job beim Planet und zu seiner neuen Kollegin ab. Lois Lane - sie hatte ihr Verhalten nach der ersten Stunde, die sie beide miteinander im Planet zu tun gehabt hatten, drastisch geändert. Von der leicht panischen Furie hatte sie sich zu einer betont sachlichen Kollegin mit Chefallüren entwickelt. Sie hatte ihm so nette Sachen gesagt, wie: "Sie spielen nicht in meiner Liga!" Oder auch: "Sie arbeiten nicht mit mir, Sie arbeiten für mich! Sie sind ganz unten, ich bin ganz oben!" Aber sie zeigte keine Gefühlsausbrüche mehr. Auf der einen Seite war er froh darüber, die Kostprobe der wütenden Lois Lane hatte ihm bereits gereicht. Auf der anderen Seite hatte er die Frau hinter den Mauern kaum noch einmal zu sehen bekommen und darum tat es ihm sehr leid. Das Bild, das sie ihm nun zeigte, war die Person, die sie beim Planet sein wollte - energisch, unnahbar und ohne jede Schwäche.
Es gab noch eine Situation, da hatte er sie noch einmal gesehen, die zarte, verletzliche Person hinter ihren Mauern. Im Zuge der Ermittlungen um Platt und der angeblichen Sabotage an der Raumfähre Messenger hatten sie irgendwann alle Beweise dafür zusammen, dass Platts Behauptungen wahr waren, dass es wirklich eine Sabotage gegeben hatte. Sie es wirklich gelöst hatten, das Rätsel; es gab wirklich eine Story und zwar eine, die sie auch beweisen konnten. In diesem Moment des Triumphes, der Freude waren sich Lois und Clark ausgelassen in die Arme gefallen. Ohne viel zu denken, hatte Clark sie gefragt, ob sie nicht ausgehen wollten, ihren Erfolg feiern wollten. Das war die Art, wie er Lois kennen lernen wollte, wie er ihr immer näher kommen wollte. Nicht so, wie es an diesem verunglückten ersten Abend gewesen war.
Und sie hatte zugesagt, sie hatte ihn angesehen, gelacht und gesagt. „Ja... Warum denn auch nicht?“
Nur zwei, drei Sekunden konnte Clark sich an dem Verlauf der Ereignisse erfreuen. Die Zeit reichte aus, dass er schon ganz aufgeregt wurde.
Und dann – dann war die kühl berechnende, die professionelle Lois wieder da gewesen. Ihr Blick erhärtete sich und sie sagte betreten: „Ach, was rede ich, ich kann nicht, ich habe noch etwas vor.“
Erschrocken und enttäuscht sah er sie an. „Luthor...?“ Sie nickte.
Oh ja, die Unnahbare Lois war wieder da gewesen. Die Arbeit und Privates trennte. Die noch einen wichtigen Termin hatte. Eine wichtige Story. Ein wichtiges Interview – und dann ausgerechnet Lex Luthor. Es war, als würde sie eine Maske aufsetzen. Und Clark konnte sie dahinter wieder nicht erreichen. Es war als würde sie eine Tür zuschlagen.
Und ein anderes Mal waren sie bei der EPRAD in diese ausweglose Situation geraten, oder besser gesagt, Lois war in diese bedrohliche Situation geraten, sie hatte sich von Dr. Antoinette Baines erwischen lassen, während sie die echte Raumfähre untersucht hatte. Baines fand das gar nicht gut und fesselte Lois in einem Lagerraum. Clark war dazu gekommen und ließ sich mit ihr in diesem Lagerraum einsperren. Er musste sich überlegen, wie er sie beide da rausholen konnte, ohne seine Ungewöhnlichkeit zu offenbaren.
Es war ein kalter, ungemütlicher Raum. Sie saßen Rücken an Rücken dort, konnten sich nicht sehen und Lois hatte geglaubt, sie würde dem Tod ins Auge blicken und so fing sie an zu erzählen. „Weißt du noch, Kent, was ich dir von meinen drei Regeln erzählt habe – ich habe sie alle schon gebrochen...“ Er konnte sie nicht sehen, aber die Resignation über dieses Eingeständnis war ihr sehr deutlich anzumerken.
Clark erinnerte sich, ihre drei Regeln waren: Sich niemals in ihre Storys verwickeln zu lassen, niemanden vor ihr an eine Story kommen zu lassen und niemals mit einem Kollegen zu schlafen.
Weinerlich fuhr sie fort: „Ich lasse mich eigentlich immer in meine Storys verwickeln... Aber...“
Überrascht fuhr Clark dazwischen: „Du hast mit einem Kollegen geschlafen?“ Das passte nicht zu ihrer Taktik, zu der Distanz, die sie unbedingt wahrte, zu dem 'ich will nicht wissen, wie du heißt'. „Es war doch nicht Jimmy, oder?“
Sie hatte sich wieder etwas gefangen. „Clark, sei nicht albern. Es ist schon ein paar Jahre her, ich war damals ganz neu beim Planet, arbeitete an einer wirklich großen Story und da war Claude, Franzose, er hatte diesen Akzent... Wie auch immer, ich muss wohl verliebt gewesen sein oder dachte es zumindest. Dann, eines Nachts, erzählte ich ihm von meiner Story. Und am nächsten Morgen war er weg – genau wie meine Story.“ Ihr Ton wurde nun immer erboster. „Er hat einen Preis dafür erhalten – hat sich nicht einmal bedankt bei mir!“
Clark spielte gedankenverloren mit den Fesseln, die seine Handgelenke zusammenhielten und riss sie kurzerhand durch. „Ich schätze, wenn man verliebt ist, ist es vollkommen gleichgültig wie taff man ist oder wie viele Regeln man für sich selber aufstellt, man ist dann so... verletzlich.“
Während Lois ihm sentimental zustimmte und sich darüber ausließ, dass sie ja doch bald sterben mussten, wurde Clark sich bewusst, dass die Verletzung, die sie durch diesen Claude erfahren hatte, wohl einer der Auslöser sein musste, der sie in diese One-Night-Stands trieb. Sie hatte scheinbar Angst vor Beziehungen, vor Männern, davor, von ihnen enttäuscht zu werden.
Später, in der Redaktion, nachdem sie gerettet waren, hatte sie ihm dann eine Warnung zugeflüstert, die er schon einmal von ihr bekommen hatte: „Kent, ein Wort von dem, was ich dir erzählt habe und du sind tot! Ich streite alles ab...“
Und genau wie beim ersten Mal hatte er sie angelächelt und ihr gesagt: „Du kannst mir vertrauen.“
„Ja, ja... Das hab ich schon einmal gehört.“, hatte sie gemurmelt und sich dann umgedreht.
Es war das letzte Mal gewesen, dass sie ihn hinter ihre Fassade hatte blicken lassen. Er musste sich eingestehen, dass es süchtig machte und er wollte mehr davon.
Für Clark wäre es in dieser Situation ein leichtes gewesen, seine Kräfte zu nutzen, um sie beide da raus zu holen, aber wenn Lois wüsste, über welche Kräfte er verfügte, hätte es die ganze Welt erfahren. Genau diese Situation war der Grund, warum seine Mutter ihm eine Verkleidung nähen sollte. Sie und der Hinweis von Lois, er sollte Kleidung zum Wechseln zur Arbeit mitbringen. Lois hatte sicher etwas anderes im Sinn gehabt, aber Clark hatte die Idee mit der zweiten Kleidergarnitur auf seine Art interpretiert.
Martha Kent sah ihn mit einem Grinsen an. Wie lange stand sie schon vor ihm und grinste ihm mitten ins Gesicht? "Und? Wo bist du gerade?", fragte sie ihn provozierend.
Clark wäre gerne ausgewichen, bisher hatte er mit seinen Eltern über Metropolis und seinen Job gesprochen, auch über seine Kollegen, aber nicht über sie. Vielleicht befürchtete er einfach, dass er sich verplappern könnte und eine winzige Kleinigkeit von dem ersten Abend preisgeben könnte. Es war das erste Mal, dass er mit seiner Mutter über Lois sprechen würde, denn darum ging es in diesem Moment. "Ach Mom, meine Kollegin... Lois... die anderen in der Redaktion sind schon jetzt überrascht, dass wir nach vier Tagen noch als Kollegen an demselben Fall arbeiten. Sie haben mir nicht mehr als 24 Stunden gegeben. Aber... Partner sage ich lieber nicht. Lois ist... kompliziert, dominierend, total kompromisslos, blasiert und... brillant. Aber sie behandelt mich wie einen dummen Jungen bestenfalls, oder wie Dreck, wenn sie nicht gut drauf ist. Meistens ignoriert sie mich einfach. Und dann gibt es immer wieder so Momente, wo ich das Gefühl habe, sie lässt mich hinter ihre Mauer sehen, ganz kurz nur, meist sind es nur Sekunden, oder Bruchteile davon."
Seine Mutter reichte ihm ihren neuesten Entwurf, es war... blau, erst mal sah er nur blau. Hm? Ist das nicht ein wenig langweilig? Nach dem achten Kostüm kamen ihm langsam Zweifel an seiner Idee einer Kostümierung, um seine Kräfte sinnvoll einsetzen zu können und dabei von der Person Clark Kent abzulenken.
Martha nahm ihm das ab, was er jetzt wieder auszog. "Was ist da zwischen euch?", fragte sie scheinbar beiläufig. Obwohl Clark ganz genau wusste, seine Mutter sagte selten etwas beiläufig dahin, normalerweise wusste sie genau, wo sie hinwollte.
Clark seufzte, während er nun das blaue Kostüm anzog. "Da ist nichts, gar nichts... überhaupt nichts. Und wenn da etwas wäre, ist es wohl auf einer Skala eine Minus zehn.", sagte er und erschrak selber über seinen verdrossenen Ton. Und das Kostüm war nur blau - langweilig blau, sonst nichts. Er ließ den Kopf hängen. Vielleicht taugte diese fixe Idee gar nichts.
Martha kam dann mit einer kurzen roten, knappen Hose und einem roten Cape - ein Cape? Clark fragte sich, wie praktisch das wohl sein würde. Er sah sie fragend und entsetzt an.
"Ach komm schon! Das wird toll aussehen, wenn du fliegst." Sie reichte ihm daraufhin noch ein paar rote Stiefel. "Und was deine Kollegin angeht... Lois; könnte es sein, dass es dich erwischt hat?" Martha grinste vielsagend.
Clark zog erst die kurze, rote Hose über den blauen Anzug und dann die Stiefel an. Er konnte seiner Mutter sowieso nichts vormachen, also beantwortete er ihre Frage, sie würde sie ganz sicher nicht vergessen. „Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich fürchte... ja.“ Er vermied es sie anzusehen, sie sollte nicht sehen, dass er wie ein Schuljunge errötet war. Entmutigt nahm er ihr das Cape ab und sah nach, wie er es befestigen sollte.
Sie half ihm, das Cape um die Schultern zu fixieren. Beim nächsten Blick in den Spiegel war er gar nicht mehr so abgeneigt, blau und rot und ein gelber Gürtel. All diese leuchtenden Grundfarben, es war... auffällig. Ja, das könnte funktionieren, von Clark Kent abzulenken. Er drehte sich vor dem Spiegel.
Plötzlich lief Martha nach hinten, zu der großen Wäschetruhe. "Warte, da fehlt noch etwas..." Sie kramte in der Kiste und holte dann eine Stoffapplikation heraus. Fünfeckig, rot-gelb mit einem stilisierten großen 'S' darauf. Clark sah sie fragend an. "Das war auf der Babydecke, in der wir dich fanden", sagte Martha ihm mit einem verklärten Lächeln. Was immer dieses Symbol auch zu bedeuten hatte, wenn es auf seine Babydecke genäht war, musste es eine Bedeutung für ihn haben. Seine Mutter hielt es in Höhe seiner Brust an das blaue Kostüm - ja! Das war es. Jetzt sah es richtig gut aus.
Clark sah noch einmal in den Spiegel und erstaunt stellte er fest, dass es fast ein Fremder war, der ihn anblickte. Ein wenig stolz hob er den Blick, es hatte etwas Erhabenes – oh jeh, sollte er so von sich selber denken?
Nachdem Martha ihm das S-Symbol noch aufgenäht hatte, standen sie beide vor dem Spiegel und sie legte ihm stolz ihren Arm um die Taille und sagte provozierend: "Nun, eines ist sicher, auf dein Gesicht wird niemand achten..."
Ein entsetztes "Mom...!", war das einzige, was ihm dazu einfiel.
Lachend gingen beide zu Jonathan, um ihm das Ergebnis ihrer Bemühungen zu präsentieren und er zeigte sich angenehm überrascht. Doch während sein Vater ihn noch anerkennend betrachtete, hörten sie im Fernsehen die Nachrichten vom erneuten Start der Raumfähre, die mehr als hundert Zivilisten zur Raumstation in den Orbit befördern sollte.
Der Nachrichtensprecher stutzte und unterbrach seinen Kommentar. Dann teilte er den Zuschauern mit, dass es Probleme beim Start gab. Clark wartete keine Sekunde, in Windeseile verließ er das Haus seiner Eltern, verließ er Kansas und flog nach Cape Canaveral. Das war es, was er immer tun wollte, wenn es ein Problem gab, bei dem er eventuell helfen könnte, sofort losfliegen. Nicht erst eine stille Ecke suchen, in der Hoffnung, dass ihn niemand sah. Und das konnte er nur, weil er diese Kostümierung trug. Er hoffte, dass ihn niemand erkennen würde, er hoffte, dass er nun endlich seine Gabe einsetzten konnte, um zu helfen.
Die Antriebsraketen der Raumfähre waren bereits gestartet. Schon im Anflug hatte er, die überraschten Ausrufe der Zuschauer ignorierend, versucht die Funkmeldungen des Kontrollcenters zu hören und wusste, dass es ein Problem mit einer elektrischen Hauptleitung gab. Er öffnete die äußerste Verriegelung der Fähre und glaubte für einen Moment, er konnte seinen Augen nicht trauen - vor ihm stand Lois! Perry hatte ihr doch untersagt, mit der Fähre zu fliegen. Wie hatte sie es bloß geschafft doch an Bord zu kommen? Die Frau war wirklich unglaublich! Egal, er durfte sich nicht anmerken lassen, dass er Lois kannte, sonst würde seine Tarnung sofort auffliegen. Aber sie würde auch den ersten Test für seine neue Verkleidung darstellen.
Lois schien ihn nicht zu erkennen, sie kam mit einem Anflug von Panik im Blick auf ihn zu und stammelte: "Da... da ist eine Bombe." Sie zeigte auf die Wand, an der sich ein elektrischer Initialzünder befand, dahinter eine Handvoll Plastiksprengstoff. Wenn er Zünder und Sprengstoff trennte, würde der Initialzünder trotzdem explodieren und einen unvorhersehbaren Schaden anrichten, meist hatten die Attentäter so eine Rückversicherung eingebaut. Und die Menge an Sprengstoff reichte aus, um eine Explosion zu verursachen, die bis zu den Treibstofftanks reichten könnte, was eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes auslösen würde. Er durfte keine Zeit mehr verlieren. Kurzerhand nahm er den Zünder und schluckte ihn einfach herunter.
Und er zündete! Clark spürte die Explosion in seinem Magen und er hörte sie auch mehr als deutlich. Und selbst Lois hörte deutlich, war passiert war. Unangenehmerweise bildete sich durch die Explosion in seinem Magen sehr viel Luft, die irgendwohin musste.
Lois sah ihn daraufhin noch ungläubiger an - und sie sagte kein Wort mehr. Nicht ein einziges. Bei einem Menschen wie Lois war das das höchste Anzeichen von vollkommener Verwunderung.
Nur eine Stunde später flog Clark mit Lois Richtung Metropolis, zum Daily Planet. Nachdem sich die erste Aufregung um das Entschärfen der Bombe gelegt hatte, befürchtete er, dass Lois ihn erkennen würde. Aber nein! Und selbst als er mit ihr flog, als sie ihm ganz nah war, ließ sie nicht den geringsten Zweifel an seiner Verkleidung aufkommen. Also bereitete er sich und Lois wirklich einen großen Empfang. Die versammelte Mannschaft des Planets befand sich dort und den meisten stand wirklich der Mund offen bei diesem Anblick. Doch was Clark am meisten rührte, war der Blick von Lois, der sich seit seinem Erscheinen in der Raumfähre nicht mehr verändert hatte. Ehrfürchtig, zärtlich und so voller Achtung. Das war Bewunderung pur. Es war die reinste Form von Verehrung. Und sie hatte offensichtlich nicht die geringsten Probleme, diese Gefühle auch ganz offen vor allen Kollegen zu zeigen. Was würde er darum geben, dass Lois ihn - Clark - einmal so ansehen würde?
Fast hätte sie sogar vergessen, ihn um ein Interview zu bitten, aber eben auch nur fast. Und sie war es, die ihm seinen neuen Namen gegeben hatte: Superman. Clark war sich nicht sicher, dass das Symbol auf seinem Anzug wirklich das lateinische 'S' darstellen sollte und er hätte sich selbst auch nie so einen heroischen Namen gegeben. Aber da es Lois war, die diesen Namen kreiert hatte, nahm er ihn gerne an.
~ ~ ~
Ein paar Wochen später in Kansas, seine Mutter hatte ihm noch einige dieser blauen Kostüme genäht, sprachen sie wieder einmal über Lois. Seine Mutter hatte ihn einfach und gerade heraus gefragt: „Und? Wie läuft es jetzt mit euch beiden?“ Und er wusste sofort, wen sie meinte.
Clark hätte am liebsten den Kräutergarten verlassen, in dem sie auf dem Boden kniete und das Unkraut zwischen Rosmarin und Salbei auszupfte. Die Beziehung mit Lois war durch die Erschaffung seiner Zweitidentität eigentlich von Tag zu Tag komplizierter geworden. Sie waren inzwischen mehrfach zusammen geflogen. Und er hatte sie mehr als einmal aus einer brenzligen Situation befreit. Es kam ihm fast so vor, als legte sie es darauf an, von ihm gerettet zu werden. Als Superman erfuhr er ihre offene Bewunderung und als Clark behandelte sie ihn immer noch wie den Provinztölpel, wie ihren Fußabtreter oder ihren Laufburschen. Er hörte ihre erbarmungslosen Anweisungen in seinem Kopf, mit denen sie ihn durch die Gegend scheuchte, 'Kent, machen Sie dies...!' oder 'Kent, ich brauche diese Recherche - und zwar sofort!' Resigniert antwortete er: „Ach Mom, es ist eigentlich alles nur noch schlimmer geworden. Sie ist wirklich zu großen Gefühlen in der Lage, aber es ist Superman, den sie anhimmelt und mich verachtet sie. Warum kann sie nicht sehen, wie ähnlich sich die beiden sind?“
Martha richtete sich auf und setzte sich auf ihre Fersen, unter dem Strohhut warf sie ihm einen kritischen Blick zu. Sie beobachtete ihren Sohn einen Moment, bevor sie gelassen antwortete: „Eigentlich liegt es auf der Hand, mein Junge. Die Person Superman ist unerreichbar, das ist vollkommen ungefährlich. Clark hingegen ist ein ganz realer Mann im Hier und Jetzt. Nach allem, was du mir von ihr erzählt hast, hat sie furchtbare Angst vor einer echten Beziehung. Ich meine so etwas ganz richtiges mit Herzklopfen, Vertrauen und einander alles erzählen. Wahrscheinlich wäre sie eher in der Lage eine rein körperliche Affäre mit einem Mann zu haben als sich wirklich zu verlieben.“ Martha kniete sich wieder hin und griff dann die kleine Harke und lockerte die eben vom Unkraut befreite Erde ein wenig auf.
Clark sah seiner Mutter an und fragte sich nicht zum ersten Mal, ob sie eigentlich hellseherische Fähigkeiten hatte oder einfach nur in der Lage war ihm direkt ins Herz zu schauen. Er erzählte seiner Mutter wirklich viel, aber von dem ersten Abend mit Lois, bevor sie seine Kollegin beim Planet geworden war, von der Einladung mit ihr gemeinsam die Nacht zu verbringen, hatte er niemals auch nur ein Sterbenswörtchen gesagt.
~ ~ ~
Lois kam in ihr Apartment und hatte leichte Schwierigkeiten ihre Einkaufstaschen zu balancieren, dabei musste sie sich beeilen, das Eis musste sofort in das Gefrierfach. Die Tür stieß sie mit dem Fuß zu, abschließen konnte sie gleich, das Wichtigste war nun erst einmal, dass das Eis schnell wieder in die Kälte kam. Sie stellte dann die verschiedenen Eissorten in das leere Gefrierfach, Schoko, Walnusssplitter, Kirsche, Stracciatella, Karamell und Mango-Yoghurt. Das sollte für diesen Abend reichen. Und nur für den Notfall hatte sie sich noch Schokolade, Double-Fudge-Crunch-Bars und Schokocrossis mitgebracht. Kopfschüttelnd sah sie sich ihre Ausbeute an. "Lois, gib es zu, du bist ein Schoko-Junkie! Du hast nichts normales zum Essen eingekauft. Du hättest auch eine China-Reispfanne oder einen gemischten Salat oder etwas ähnlich gesundes kaufen können. Aber nein, nur Süßes!" Lois sah sich kurz um als wollte sie sich versichern, dass sie auch wirklich alleine in ihrem Apartment war. „Na toll, jetzt rede ich schon mit mir selber...“ Sie Seufzte schwermütig. Aber dies würde ein harter Abend werden, es war schließlich ein harter Tag gewesen.
Perry hatte sie und Clark zu festen Partnern gemacht - Partner! Sie hatte ihren Chef gewarnt, eine Partnerschaft war wie eine Ehe, so kompliziert, so schwierig, so unberechenbar und sicher mit einer ähnlich hohen Scheidungsquote versehen. Und wenn man wusste, dass es nicht funktionieren würde, bräuchten sie das doch gar nicht erst anzufangen. Aber als wenn das noch nicht genug Demütigung gewesen wäre, schickte er sie mit Clark in dieses Boxcamp! Sie sollten über den großen Kampf am Wochenende berichten - als wenn die Redaktion keine Sportreporter hätte! Und dann natürlich mit Clark... Ihrem neuen Partner!, sie schnaubte verächtlich.
Lois verstaute den Rest ihres Einkaufs in den Schränken. Statt Kent innerhalb von zwei, drei Tagen loszuwerden, ihn aus der Planet-Redaktion zu vergraulen, hatte Perry sie immer wieder überredet, genötigt, angewiesen, gezwungen oder sie einfach gebeten mit Clark zusammen zu arbeiten. Die ganze Zeit über hatte sich diese 'Partnerschaft' schon angekündigt, aber Lois hatte nicht wirklich daran geglaubt, dass Perry so gemein zu ihr sein würde. Sie, Lois Lane und ein Partner - hatte sie das nötig? Wohl kaum... Obwohl sie sich eingestehen musste, dass sich die Fälle jetzt gelegentlich leichter lösen ließen, er sprang hin und wieder mal ein, wenn sie wirklich einmal nicht mehr weiter wusste, er hatte sogar manchmal ganz brauchbare Ideen und sein Schreibstil war nicht der Allerschlechteste. Und auch wenn sie sich das nur vor sich selber eingestand, alleine es zu sehen, machte sie bereits fuchsig.
Nun war dies nicht einfach irgendein Boxcamp, wo sie für die Kämpfe am Wochenende recherchieren sollten, es war das Menken's Gym! Nach der Scheidung ihrer Eltern hatte sie in diesem Boxcamp sehr viel Zeit verbracht. Ihr Vater hatte hier als Sportmediziner gearbeitet. Sam Lane, ihr Vater, der sie verlassen hatte, sie und ihre Familie. Lois hatte ihm das bis heute nicht verzeihen können. Wie auch? Er hatte sie verletzt, auf Männer war eben kein Verlass.
Kaum waren sie im Menken's Gym angekommen, schwärmte ihr Clark ganz ehrfürchtig von vergangenen großen Kämpfen vor, aber er brachte alle Boxer und Daten durcheinander, das machten die Meisten und natürlich war er überrascht, dass sie überhaupt etwas vom Boxen verstand. Sie, als Frau. Sie, Lois Lane. Er schien in sehr eingefahrenen Strukturen zu denken - Männer!
Und als wenn das alles noch nicht genug war, mussten sie dort auch noch auf ihren Vater treffen. Es wäre Lois sehr viel angenehmer gewesen, wenn Clark nicht so viel Einblick in ihre verkorkste Familie bekommen hätte, ihren Vater kennen gelernt hätte und... nun ja, das schwierige Verhältnis zwischen ihnen beiden. Sie wollte nicht, dass er so viel über sie wusste, er wusste sowieso schon viel zu viel über sie. Das war ihr Fehler gewesen, sie wollte als die Starke erscheinen. Und doch hatte sie Kent die Möglichkeit gegeben so viel von ihr zu sehen und ihm damit die Macht gegeben, sie zu verletzen.
Aber der schwerste Schlag dieses Tages war Allies Tod.
In dem Augenblick, in dem sie daran dachte, überrollte sie wieder diese Trauer, diese Ohnmacht, diese Wut! Den ganzen Weg nach Hause hatte Lois mit aller Kraft versucht, den Gedanken daran zu verdrängen, das musste sie einfach tun, sonst wäre sie schon beim Einkaufen immer wieder in Tränen ausgebrochen. Allie war eine wichtige Bezugsperson in ihrer Kindheit für sie gewesen, er war so etwas wie ihr Ersatzvater gewesen. Sie hatte sich bei ihm immer sehr geborgen gefühlt. Wen wunderte das schon? Er war liebevoll und er war da gewesen! Hatte sich nicht wie ihr Vater aus der Verantwortung geschlichen. Außerdem hatte Allie ihr schon sehr früh gezeigt, sich gegen gemeine Kerle zur Wehr zu setzen. Doch nun war er tot...
Er hatte sich mit ihr treffen wollen und ihr etwas sagen wollen, etwas Wichtiges, da war sie sich sicher. Und er hatte dafür mit dem Leben bezahlen müssen, auch da war sie sich sicher. Das konnte einfach kein Zufall gewesen sein!
Sie würde mit Karamell beginnen, Schoko musste sie sich als Rettungsanker aufheben, wenn es noch viel schlimmer werden würde. Und das konnte sehr gut passieren. Mehr war einfach nicht zu verkraften. Die Säulen ihrer Grundmauern waren erschüttert worden. Sie war Lois Lane, eine der Besten und doch bekam sie einen Partner, wofür hatte sie so hart gearbeitet? Dann lief ihnen einfach so ihr treuloser Vater über den Weg und erwartete, dass sie Konversation tätigten und zu allem Übel hatte sie einen Freund verloren, jemanden der sie kannte und auch akzeptiert hatte wie sie war. Allie hatte auch ihre sanfte Seite gesehen und sie nicht verletzt.
Perry wollte natürlich, dass sie auch in diesem Fall mit Clark zusammen arbeitete, schon wieder... Obwohl sie wirklich jede Hilfe nehmen sollte, sie sich ihr bot - das war sie Allie einfach schuldig. Aber sie hasste es mit einem Partner zu arbeiten, sich abzustimmen, aufeinander Rücksicht nehmen, zueinander stehen, egal was der andere für einen Mist baut und sich ja alles erzählen. Ehrlich sein...! Füreinander da sein... Das alles und noch viel mehr. Sie durfte vor Clark nicht noch eine Schwäche eingestehen müssen. Aber das größte Problem war doch, dass es ausgerechnet Clark, dieser Mr-Niemand-aus-Nirgendwo sein musste. Er wusste schon viel mehr über sie als ihr lieb war. Das war einfach nicht ihre Welt.
Clark war ein merkwürdiger Typ, sie konnte ihn immer noch nicht richtig einschätzen. Er wirkte manchmal ein wenig trocken, abgesehen von seinen schrägen Krawatten. Doch er schien das Herz am richtigen Fleck zu haben, er konnte rücksichtsvoll sein, war nett, wer weiß, was er damit erreichen wollte? Er kam gut an, wenn sie jemanden interviewten, alle schienen ihm direkt zu vertrauen. Er war ziemlich gebildet und er sah gut aus. Oh ja, sehr gut sogar. Sie leckte das Eis genüsslich langsam vom Löffel.
Lois war sich nicht sicher, ob er sich eigentlich darüber im Klaren war, was er ihr zugemutet hatte, als er sie an ihrem zweiten gemeinsamen Arbeitstag fast nackt begrüßt hatte... Nur mit einem Handtuch bekleidet, das er sich um die Hüften geschlungen hatte... seine Haut noch ganz nass vom Duschen... Ein Tropfen war langsam über seine nackte Brust gewandert und gerne wäre Lois ihm mit dem Blick gefolgt. So hatte er ihr die Tür zu seinem Hotelzimmer geöffnet. Das war ein Oberkörper... Sie seufzte, verdrehte die Augen zur Decke. Unwillig schüttelte sie den Kopf und starrte auf die letzten Eisreste. Aber konnte sie ihm vertrauen?
Das war sehr süß gewesen, jetzt sollte sie mit Mango-Yoghurt fortfahren, das war etwas fruchtig-frischer, überlegte sie auf dem Weg zum Gefrierschrank. Und Clark war ein guter Freund von Superman... Aber das war das nächste Minenfeld – Superman...!
Seit dieser Gott in einem Cape in Metropolis aufgetaucht war, seit er sie das erste Mal angesehen hatte, seit sie das erste Mal zusammen geflogen waren – geflogen! Er war mit ihr geflogen! Seit diesem Moment hatte sich ihr ganzes Leben verändert. Warum konnte sie nicht Superman zum Partner haben...? Dieses Yoghurt-Eis war ganz schön sauer. Seit Superman in ihr Leben getreten war, hatte sie wieder einen Traum... der strahlende Held, unbesiegbar, unverwundbar, der stärkste Mann der Welt – und mit einem so sanften Blick, so viel Güte in seinen Augen. Ach... warum war das Leben so kompliziert?
Mit seinem Blick hatte er sie verzaubert, obwohl, eigentlich faszinierte sie alles an ihm, seine Augen, sein Körper, seine zarten Hände, seine Kraft, er sah einfach fantastisch aus – und sie hatte mit ihm fliegen dürfen – immer wieder.
Lois war sich fast sicher, dass sie ihm nicht gleichgültig war. Sie seufzte mit glasigem Blick. Manchmal hatte sie das Gefühl, er war immer in der Nähe... war immer für sie da, wenn sie wirklich mal in Schwierigkeiten steckte. Wie eine Art Schutzengel. Und bei so einem Schutzengel kam man schon fast in Versuchung die Gefahr zu suchen...Statistik: Verfasst von Magss — Di 11. Mai 2010, 12:28
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