Bisher waren alle Teile ungebetat. Bis auf diesen. Hier stand mir KitKaos, wie immer, mit ihrer unschlagbaren Kompetenz zur Seite. Ganz lieben Dank dafür.
Das Leben danach
„Augen zu – und durch!“ Lois folgte ihrem eigenem Befehl und schloss die Augen. Und mit einem verkrampftem Gesicht biss sie die Zähne zusammen.
Heute war der dritte Tag und sie würde wieder zum Planet gehen. Sie musste! Also: Luft angehalten – und?
Es ging. Das war überraschend. Das Bündchen der Hose fühlte sich auf ihrem Rücken, auf der Haut ganz normal an. Also vergleichsweise normal, so sie dieses Gefühl überhaupt noch kannte.
Zwei Tage war sie nicht in der Redaktion gewesen, das hatte es noch nie zuvor gegeben. Mad Dog Lane nicht bei der Arbeit! Doch nachdem sie vorgestern mit dem schlimmsten Kater ihres Lebens aufgewacht war, nur um gleich darauf festzustellen, dass sie sich wohl in einem Zustand geistiger Umnachtung – nur mit betrunken war es nämlich nicht zu erklären – ein Tattoo hatte machen lassen, konnte sie sich einfach nicht auf Arbeit konzentrieren. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass sie anfangs keine Kleidung hatte ertragen können.
Das Familienwappen ihres Lieblingshelden zierte nun also den unteren Teil ihres Rückens. Ungefähr so groß wie er es auf seiner Brust trug. Das hieß, es war noch nicht fertig, bis jetzt hatte sie nur die rote Farbe unwiederbringlich in der Haut. Dass zweifarbige Tattoos in mehreren Arbeitsgängen auf die Haut gebracht wurden, hatte sie vorher nicht gewusst. Doch fiel es Lois angesichts dieses hautnahen Wissenszuwachses immer noch schwer, den Erlebnissen der letzten Tage etwas Positives abzugewinnen. Einzig über die Tatsache, dass sie Lex durchschaut und ihm dann einen Korb gegeben hatte, war sie im Nachhinein froh. Wer wusste, wo sie dieser Weg sonst noch hingeführt hätte?
Superman, das nun verewigte Objekt ihrer Schwärmerei, hatte sogar noch die Frechheit besessen, sie darauf aufmerksam zu machen, dass sein 'S' ja noch nicht ganz fertig sei. Unglaublich! Und das auch noch, nachdem er seinen Röntgenblick dazu eingesetzt hatte, ihren Rücken zu begutachten. Das hätte sie ihm niemals zugetraut! Wie sie damit umgehen sollte, dass er das nun wusste, darüber war sie sich noch nicht klar.
Aber ganz gleich, wie sie dem nun lange nicht mehr so heimlichen Schwarm der tiefsten Ecke ihres Herzens zukünftig begegnen würde, heute hatte sie es glücklicher Weise nur mit Clark zu tun. Also waren keine weiteren Offenbarungen oder Stolpersteine zu erwarten – und das war gut so. Davon konnte sie nämlich nur eine gewisse Menge vertragen, und die war mit den letzten Tagen bereits überschritten. Bei weitem überschritten.
Wenn sie ganz normal gekleidet war, konnte niemand etwas sehen, geschweige denn ahnen oder etwas Ungewöhnliches bemerken. Dabei fühlte sie das halbfertige Wappen auf ihrem Rücken bei jeder Bewegung, bei jedem Gedanken, jedem Atemzug. Es beherrschte ihr gesamtes Bewusstsein, trug sich wie ein tonnenschwerer Rucksack. Anfangs war es schlicht der Schmerz durch die brutale Behandlung mit spitzen Nadeln gewesen, doch das hatte natürlich nachgelassen. Inzwischen fühlte sich die Haut sogar wieder ganz okay an. Und doch fühlte sie sich fast nackt, befürchtete ständig, es würde doch noch unter ihrer Kleidung hervorlugen. In einem Moment, wenn sie gar nicht daran dachte.
„Kein Mensch kann es sehen!“, bestätigte sie sich noch einmal bei einem weiteren Blick in den Spiegel, während sie sich nach links und rechts drehte. „Du darfst dich nur nie wieder ausziehen, in deinem Leben, Lane!“ Ganz einfach also.
Aber bei ihrer Fähigkeit, sich immer in die falschen Männer zu verlieben, sollte sie darauf vielleicht sowieso verzichten und alles wäre gut. Bis jetzt hatte es ihr nur Chaos und jede Menge Tränen gebracht. Und wahrscheinlich gab es ihren Mister Right auch gar nicht.
Sie fragte sich gerade, wie leicht es ihr fallen würde, auf die Erfüllung dieses tiefsitzenden, alles umfassenden Traums zu verzichten, als ein Klopfen an ihrer Apartmenttür Lois von weiteren schwerwiegenden Entscheidungen abhielt. Der Blick durch den Spion bestätigte ihre Erwartung; es war Clark. Er wollte sie abholen, damit sie gemeinsam zum Planet gingen. Wie immer. Sie öffnete.
Mit fürsorglichem Blick fragte ihr Partner sie: „Und? Geht es dir besser?“
Aber natürlich, sie hatte ja eine schlimme Erkältung herbei geschwindelt. „Ja, ja, viel besser ...“ und zur Bestätigung räusperte sie einen Frosch aus ihrem Hals weg, der gar nicht da gewesen war.
Ihr Kollege lächelte. „Du siehst auch viel besser aus.“ Wieso besser? Clark hatte sie doch in den letzten beiden Tagen gar nicht gesehen?
Doch statt diese Worte noch etwas näher zu erläutern, verwirrte er sie gleich noch mehr. Normalerweise blieb ihr Partner, wenn er sie abholte, bei der Tür stehen, bis sie fertig war. Doch heute trat er weiter ein, ging bis zum Sofa und setzte sich. Dabei vergrub er seine Hände tief in seinen Hosentaschen.
„Aha ... gehen wir nicht zum Planet?“
Clark zeigte ihr ein Lächeln, wenn es auch etwas unsicher wirkte, und dann druckste er herum. Wollte ihr Clark ein Geständnis machen? Das versprach interessant zu werden. Lois folgte und setzte sich zu ihm, sagte aber kein Wort, war einfach still gespannt. Sie wollte ihn auf keinen Fall unterbrechen. Er hingegen suchte offenbar nach Worten: „Ich ... ach verdammt, bis vor wenigen Augenblicken noch wollte ich dich fragen, ob wir nicht mal ausgehen sollten ...?“
„Aha. Und ... nun nicht mehr ...?“, fragte sie wie vor den Kopf gestoßen. Lois war sich nicht mal sicher, ob sie nun beleidigt sein sollte, überrascht oder erleichtert. Blitzartig zogen Erinnerungen an vergleichbare Gespräche vor ihrem inneren Auge auf, 'Verlieb dich nicht in mich, Farmboy! Ich hab keine Zeit für sowas.' oder auch 'Ich liebe dich nicht – nicht so ...' Das alles hatte sie zu Clark gesagt. Und es in dem Moment auch genau so gemeint. Auch wenn es sich in diesem Moment ein wenig fremd anfühlte. Clark war jemand, den sie auf keinen Fall verlieren wollte. Dass er sie nun doch nicht um ein Date bat, bedrückte sie auf eine Art, der sie sich bisher noch gar nicht klar gewesen war.
Clark begann sich zu rechtfertigen, als sei ihm gerade erst die Bedeutung seiner Worte bewusst geworden: „Nein, so hab ich das nicht gemeint ...“, Wie dann? Wollte er sie nun doch um ein Date bitten? Seine Wangen zeigten eine Spur von Röte. „Ich ... also genau genommen wollte ich dich fragen, ob wir nicht mal schwimmen gehen sollten. Aber ...“
„SCHWIMMEN?!“ Es war November! Die Strände vor der Stadt waren einsam und verlassen. Träumte ihr Partner etwa von einem Hallenbad? Chlorgeruch und kreischenden Kindern? Was für eine Art von Romantik sollte das denn werden?
Eigentlich hätte ihn ihr lautes Aufschreien einschüchtern sollen, doch ihr Partner war nur einmal kurz zusammen gezuckt und sprach gleich weiter: „Ja ... oder vielleicht einmal dieses neue Sauna-Land ausprobieren ...“, wobei sein Tonfall etwas unsicherer wirkte.
„SAUNA?!“ Lois' Stimme wurde noch eine Spur höher. Wer lud schon jemanden zum ersten Date in eine Sauna ein?! Was war nur in ihn gefahren? Aber war da nicht sogar ein ganz leichtes Zucken seiner Mundwinkel, das vielleicht ein Lächeln werden sollte? Was gab es da zu lachen? Lachte er sie aus? Warum?!
Aber Moment einmal, Schwimmen, Sauna – das kam beides nicht in Frage. Sie hatte sich doch gerade eben erst verboten sich jemals wieder auszuziehen. Warum also schlug ihr ihr bester Freund ein Date vor, bei dem sie ...?
Plötzlich begriff sie. Es war ganz klar. Oh nein! Nein! „Clark Kent!“ Er wusste Bescheid, es konnte nicht anders sein. „Ich warne dich! Ihr habt über mich gesprochen. Er hat ...!“ Das verschlug ihr wirklich die Sprache. Superman hatte sich doch bereits daneben benommen, als er ihr auf den Rücken geschaut hatte und nun erzählte er das auch noch Clark – das war einfach unglaublich! „Ich glaube das wirklich nicht!“
Doch statt gebührendes Schuldbewusstsein zu zeigen, kam Clark noch ein kleines Stück auf sie zu. „Lois, nein! Bitte hör mir zu“, flehte er. „Ich hatte mir das ausgemalt, wollte dich ein klein wenig ärgern – versteh es als kleine Rache ...“ Wofür bloß? „Aber dann habe ich es mir anders überlegt.“ Aha. „Ich denke, du hast in den letzten Tagen eine Menge durchgemacht.“ Wohl wahr. „Und ich wollte nicht noch mehr Öl ins Feuer gießen ... ich würde dir statt dessen viel lieber etwas erzählen, erklären, zeigen, was immer du willst ... Ich denke, du hast die Wahrheit verdient ...“
Aha. Lois begann langsam an Clarks Verstand zu zweifeln. Sie war wenigstens betrunken gewesen, als sie ihre Dummheit begangen hatte, aber er schien vollkommen nüchtern und doch so durcheinander wie sie ihn noch nie erlebt hatte.
„Ich ...“ begann er und zeigte nun im Gegensatz zu seiner flammenden Rede gerade eben doch eine Spur von Unsicherheit – und zwar eine kräftige Spur. Er hob noch einmal die Hand, ließ sie wieder sinken, nur um sie erneut zu heben. Und dann nahm Clark die Brille von der Nase und schaute sie einfach nur an. Kein Glas mehr, das die Sicht ablenkte. Sein Blick war klarer als er es jemals gewesen war. Sah sie unverstellt an.
Lois sah ihm in die Augen und als wenn er eine Tür geöffnet hätte, hatte sie das Gefühl ihm in die Seele blicken zu können. Doch war es nicht Clark Kents Innerstes.
Plötzlich war die Luft im Raum ganz stickig.
Diese Augen waren ihr fast so bekannt wie die ihres besten Freundes und doch ... „Du – du bist Superman ...“ Es war nur ein Flüstern, kraftlos dahin gehaucht und doch gab es nicht den geringsten Zweifel. Hier und dort fügten sich noch einige Puzzleteile zusammen, Belanglosigkeiten seines Auftretens, seines Verhaltens ihr gegenüber. Doch Lois wusste auch, sie würde Ewigkeiten brauchen, bis sie es wirklich erfasst hatte. Das war zu unglaublich. Aber nicht zu leugnen.
Moment einmal, dann wusste Clark ja auch Bescheid – er war es schließlich gewesen, der in seiner Sorge auf ihren Rücken geschaut hatte. Und er hatte sie um ein Date zum Schwimmen bitten wollen – wie gemein war das denn?! Lois schnappte nach Luft.
„Ich habe schon oft überlegt“, fuhr ihr Partner nun fort und hielt dabei ihrem Blick stand, wenn auch vorsichtig, „es dir zu sagen, habe vor dem Spiegel geprobt, wie ich es dir sage und mir versucht vorzustellen, wie du reagierst ...“ Erwartungsvoll sah er sie an, wenn auch ein klein wenig von unten her. Wenigstens jetzt zeigte er eine Spur von Reue.
Und sie, was sollte sie nun mit ihm tun? Natürlich hatte er sie belogen, Tag für Tag. Obwohl sie doch eigentlich Partner, ja Freunde waren. Aber hatte er sie nicht auch gerettet, immer wieder? Alle Schwächen, die sie ihm gezeigt hatte – und da gab es einige, freiwillig gezeigte und unfreiwillige – und er hatte sie niemals gegen sie verwendet? In der Waagschale lag nun die Lüge auf der einen Seite und ihr verdammtes Gefühl für Clark auf der anderen.
Lois fühlte sich überfordert. „Clark, was erwartest du jetzt von mir?“ Der denkbare Spielraum reichte von auf der Stelle umbringen, foltern, über ignorieren bis hin zu ... nein! Bewunderung würde sie ihm nicht zeigen!
Clark lachte verhalten. Sein schelmenhaftes Hundeblick-Lachen, was hatte er nur im Sinn? „Ich erwarte gar nichts. Schon gar nicht, dass du das sofort akzeptierst. Ich dachte mir nur einfach, du könntest im Augenblick einen Freund an deiner Seite gebrauchen.“
Da riss Lois dann doch der Geduldsfaden. „Verdammt, Clark! Du lügst mich monatelang an – aber machst das, um Gutes zu tun! Du offenbarst mir dein größtes Geheimnis – nur, um für mich da zu sein! Warum kannst du nicht, wie ein normaler Mensch, auch mal etwas aus purem Eigennutz tun? Und wenn auch nur, um mir wenigstens eine Spur von menschlicher Angriffsfläche zu bieten?!“ Sie war immer lauter geworden, war aufgestanden, herum gelaufen, hatte sich immer mehr in Rage geredet.
Doch plötzlich gesellte sich ein ganz anderer Gedanke dazu, einer, der ihr wieder jeden Wind aus den Segeln nahm, sie bremste: „Aber weißt du was, ich könnte wirklich einen Freund gebrauchen ...“ Mit diesen Worten ließ sie sich entmutigt aufs Sofa sinken. „Ich habe eine grenzenlose Dummheit gemacht. Hältst du mich nicht für eine vollkommene Idiotin?“ Es fiel ihr nicht leicht, solche Schwächen zuzugeben, aber es war ja doch so offensichtlich.
„Nein. Ganz bestimmt nicht.“ Ja, er hatte gut reden.
„Ich meine, ich kann mich doch niemals mehr ...“ Nein, das sollte sie besser nicht aussprechen. „Also, stell dir einfach mal vor, ich hätte ...“, jetzt fehlte ihr nur noch ein wirklich treffendes Beispiel. „Sagen wir mal ich hätte ... eine Fledermaus irgendwo als Tattoo und du würdest das sehen ...“ Schon bei dem Gedanken musste sie sich schütteln, sie waren schließlich nicht in Gotham City. Da war ihr Hautschmuck vielleicht doch nicht ganz so schlimm. Aber das Bat-Symbol, das musste ihn doch nun wirklich überzeugen. Ihm klar aufzeigen, in welcher Misere sie steckte. „Also, was würdest du da denken, wenn du das siehst?“
„Batman?“ Immer noch lächelte Clark sehr entspannt. „Ich würde wohl denken, dass er dir irgendwann mal sehr viel bedeutet haben muss.“
Wollte er das nicht verstehen? „Du würdest mich nicht auslachen, auf dem Absatz kehrt machen und mich nie wieder ansehen?“
Er vertiefte seinen Hundeblick noch etwas und schüttelte den Kopf.
Als Lois schlagartig bewusst wurde, in welche Situation sie ihren Kollegen gerade imaginierte und merkte, wie ihre Wangen langsam Feuer fingen. Auf der anderen Seite hatte er sie auch für die Erwähnung Batmans nicht ausgelacht. „Ach Clark, du bist mir wahrscheinlich ein besserer Freund als ich es verdient habe.“ Wohingegen sie ihn eigentlich wie einen Hund behandelt hatte, wenigstens am Anfang, inzwischen war es wohl nicht mehr ganz so schlimm. „Und du weißt mehr von mir als mir lieb ist ...“ Er wusste sogar, dass sie auf ihrem Rücken ein Tattoo ihrer pubertären Schwärmerei trug und saß immer noch hier. Das war auf jeden Fall die Art von Freundschaft, mit der sie sich sogar vorstellen konnte mit diesem Tattoo zu leben.
„Aber sag mal, Lois, ich habe dich das schon einmal gefragt – damals trug ich den Anzug – aber ich meine es wirklich ernst: Bis jetzt hast du nur ein halbes Tattoo, willst du es nicht fertigmachen lassen?“ Er fragte sie das sehr ruhig und sachlich.
Diese Frage hatte schon beim letzten Mal eine ungeahnte Wut in ihr aufflammen lassen, was bildete er sich eigentlich ein? Und was ging es ihn überhaupt an? Aber, verdammt noch einmal, letztlich hatte er Recht. So wenig überzeugt wie sie überhaupt jemals ein Tattoo hatte haben wollen oder ganz gleich was sie grundsätzlich von Tattoos hielt, ein halbes war noch lächerlicher als ein vollendetes.
Und da Lois nicht das Gefühl hatte, dem Problem, dass ihr Partner sie monatelang belogen hatte, adäquat begegnen zu können, ließ sie sich von ihm ablenken und hörte sich seinen Plan an.
So saß sie also tatsächlich nur eine Stunde später in einen Tattoo-Studio. Clark führte ein sehr sachliches Gespräch mit einer Frau namens Rose. Lange schwarze Haare, ein Muskel-Shirt, das ihre Arme zeigte, die natürlich von oben bis unten tätowiert waren. Er hatte das alles für sie recherchiert, diesen Laden gefunden, bevor er an ihre Tür geklopft hatte. Er hatte in der Redaktion geklärt, dass sie später kommen würden und alles nur, damit Lois diese Rose kennen lernte.
Roses einer Arm war mit recht realistischen floralen Motiven bedeckt, während der andere eher Blumenornamente zeigte. Es sah sogar relativ gut aus – bei ihr. Jedenfalls hatte sie keine Totenköpfe im Dekolletee oder Spinnweben am Hals. Lois beschloss, dass es ein gutes Zeichen war, wenn ihr die Tattoos der Tätowiererin gefielen – für das, was sie vorhatte. Was sie eventuell vorhatte. Irgendwann vielleicht einmal vorhatte.
Aber wo sie nun schon einmal hier war und Rose sie schon eine ganze Weile erwartungsvoll ansah ... Lois sah sich in Zugzwang, sie musste wohl etwas sagen: „Ich ... ähm ... also ich wollte ...“ Wie sollte sie das jetzt ausdrücken? Von Wollen konnte ja nun nicht wirklich die Rede sein. Egal, statt noch mehr herum zu drucksen und sich lächerlich zu machen, sie sollte es einfach und gerade heraus sagen: „Ich habe ein halbfertiges Tattoo auf dem Rücken.“ So! Sie hatte es gesagt.
Rose zog die Brauen nach oben und antwortete mit ihren tiefen, aber durchaus sympathischen Reibeisenstimme: „Ja klar. Das Superman-S. Ich hab mich schon gefragt, wann ich es fertig machen soll.“
Das nahm Lois den Atem. „Das ... SIE?! Sie haben das gemacht?“ Rose nickte darauf nur. „Wer?! Wer war bei mir? Wer hat den Auftrag gegeben? Und wer, verdammt noch mal, hat es bezahlt?“ Nun hatte sie vielleicht doch noch die Chance heraus zu finden, wem sie diesen ganzen Stress zu verdanken hatte und – wer morgen leider durch den Hobs River treiben würde ...
Rose antwortete unbeeindruckt: „Ich hab mir schon gedacht, dass Sie das vielleicht hinterher anders sehen würden, aber an dem Abend waren Sie meinen Argumenten gegenüber nicht sehr zugänglich. Und Sie machten auf mich den Eindruck, dass Sie genau wussten, was Sie taten. Also ...“
Oh verdammt, da kam Lois nun eine Fähigkeit in die Quere, die ihr schon durch so manche Pyjama-Party geholfen hatte: Auch wenn sie wirklich betrunken war, konnte sie sich soweit konzentrieren, dass sie Menschen, die sie nicht kannten, durchaus plausibel machen konnte, sie sei nüchtern genug um voll zurechnungsfähig zu sein. In ihrer Teeniezeit war das manchmal sehr lustig, auf jeden Fall war es gelegentlich sehr hilfreich gewesen. Somit konnte sie Rose nichts vorwerfen, aber wer ... „Mit wem bin ich hier gewesen?“, fragte sie deshalb vorsichtig. Auch wenn sie damit nun den letzten Zweifel beseitigen würde, dass sie wirklich vollkommen betrunken gewesen war.
„Eine Frau. Name weiß ich nicht. Hab sie noch nie gesehen.“
Lois zermarterte sich das Hirn, wer dafür in Frage käme, Cat Grant? Die Rivalität zwischen ihnen nahm gelegentlich schon recht gefährliche Züge an, aber würde sie mit Cat so feiern, dass sie dafür betrunken genug war? Nein, eher nicht, sie traute Cat noch nicht einmal nüchtern über den Weg. Wer sonst, Lucy vielleicht? Ihre Schwester war einer der Menschen, die von ihrer Schwärmerei für Superman wussten, aber würde Luce soetwas tun? Und warum auch? Also wer? „Wie wurde der Auftrag bezahlt?“ Denn ihre eigene Kreditkarte war nicht belastet worden, soviel hatte sie inzwischen heraus gefunden.
Rose schien diese Frage kommen gesehen zu haben, sie blätterte schon eine Weile in einem Karteikasten und zog nun ein Kärtchen heraus. „Per Kreditkarte. Ging reibungslos. Gab keine Probleme.“
Ohne lange zu zögern und sich auf ein zähes Gespräch über Datenschutz einzulassen, zog Lois Rose die Karte aus der Hand und sah sich den Namen an: Star.
Ja was, Star?! Vorname? Nachname? Sie kannte niemanden, der Star hieß. Und die S.T.A.R. Labs schienen hiermit ja wohl kaum etwas zu tun zu haben. Verzweifelt brachen die Worte aus ihr heraus: „Wer ist Star?“
„Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung. Sie wirkte auf mich ein klein wenig durchgeknallt, ätherisch esoterisch, wenn Sie verstehen, was ich meine. Aber sie hat immer etwas davon gesagt, dass das Schicksal sei, es in den Sternen stehen würde und sie es gesehen hat ...“ Rose tippte sich leicht an die Stirn. „Also der hätte ich nichts tätowiert, gar nichts. Aber Sie machten dagegen einen vollkommenen klaren Eindruck auf mich, und so ...“
Damit war Lois kein Stück schlauer. Obwohl, wenigstens wusste sie, dass sie ihre Schwester nicht vierteilen musste.
Wie auch immer, der Umstand, dass ein halbfertiges Tattoo noch lächerlicher war als ein vollendetes, stand immer noch im Raum. Und so sollte Rose also Gelegenheit bekommen, ihr Werk zuende zu führen.
Während Clark, der das gesamte Gespräch wortlos mitangehört hatte, auf sie wartete, bekam Lois nun die Gelegenheit, das Tätowieren im vollen Bewusstsein zu erleben. Der Raum roch nach dieser speziellen Tinte, die Maschine machte ein gleichmäßig surrendes Geräusch, vor dem Lois jedoch den höchsten Respekt hatte. Doch es war viel weniger schlimm als sie erwartet hatte. Heißwachs war schließlich auch kein Vergnügen, und doch zu ertragen. Die ersten Minuten waren grausam, weil sie ständig erwartete, dass es nun richtig weh tun würde, aber langsam wurde ihr klar, jeder Zahnarzt-Besuch konnte schlimmer sein. Nicht, dass sie das Kribbeln lieb gewinnen würde, aber es war auszuhalten.
Die Situation war schon bizarr, eigentlich hatte sich Lois für heute vorgenommen, zum Planet zu gehen, vielleicht sogar, um sich von dem Tattoo abzulenken. Stattdessen lag sie bäuchlings auf einer Liege und ließ sich schon wieder tätowieren.
Als Lois merkte, wie sie langsam entspannte, begann Rose ein Gespräch im netten Plauderton: „Warum waren Sie denn eigentlich so aufgebracht? Ihr Freund scheint mir doch sehr verständnisvoll. Es ist doch Ihr Freund, oder?“
„Oh ja, er ist mein Freund, mein bester Freund, aber wir sind nicht ... Wissen Sie, ich habe da drei Regeln ...“
Roses Worten war ihre Konzentration anzuhören: „Regeln sind doch aber da, um gebrochen zu werden. Ich an Ihrer Stelle würde mir den Mann mal ganz genau ansehen. Er akzeptiert ihr Gefühl für Superman. Das heißt doch, er akzeptiert Sie. So wie Sie sind. Jedenfalls macht es auf mich diesen Eindruck. Was wollen Sie denn mehr?“
Ja, genau, was wollte sie denn eigentlich mehr?
Das Surren umhüllte sie, fing sie auf. Langsam begann sie zu entspannen und spürte, wie sich ihr Blick klärte. Klar, wie schon lange nicht mehr. Als hätte ihr jemand endlich die Brille abgenommen, die sie mehr abgelenkt hatte als gut für sie gewesen war.
Ohne diese störenden Gläser öffnete sich vor ihr eine vollkommen neue Welt …
ENDEStatistik: Verfasst von Magss — Di 8. Feb 2011, 09:51
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